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  • Jürgen Grünauer

Angst vor Coronavirus : Warum Panik Leben rettet

Das Coronavirus zwingt zu außergewöhnlicher Entschlossenheit. Längst ist nicht klar, ob die Anstrengungen der westlichen Länder ausreichen. Zwar wird Panik als Reaktion schlecht geredet – doch sie wird geradezu zur Bürgerpflicht. Eine Analyse.

Im Jahr 2017 twitterte der Reality-TV-Superstar Kim Kardashian eine berühmt gewordene Statistik. Der zufolge werden im Jahresschnitt zwei Amerikaner Opfer eingewanderter islamistischer Terroristen. Gleichzeitig werden jedes Jahr 69 Menschen von ihrem Rasenmäher umgebracht. Die Terrorgefahr sollte nicht übertrieben werden, war die politische Stoßrichtung des Tweets. Er wurde von der britischen Royal Statistical Society 2017 als „Internationale Statistik des Jahres“ gekürt, weil er ein erhellendes Licht auf die wahren Lebensrisiken und die damit verbundenen Missverständnisse werfe. Er passte gut in die Zeit: Die Trump-Regierung hatte ein Einreiseverbot für Menschen aus überwiegend islamischen Ländern verhängt.


Leider unterlag die Statistik-Gesellschaft einem fundamentalen Missverständnis, den der Londoner Professor für Computer-Wissenschaft Norman Fenton aufspießte. Er zeigte: Die Risiken sind schlicht nicht vergleichbar. Jedes Jahr kommen zwar Menschen durch Rasenmäher um, aber es gibt keinen Mechanismus, der diese Anzahl plötzlich in die Höhe schießen lässt, wenn man nicht groteske Annahmen macht. Der Rasenmäher will den Menschen nicht umbringen.


Der Vergleich mit der Grippe stellt das Risiko falsch dar


Terroristen dagegen wollen Menschen töten und durchaus in großer Anzahl. Amerika verzeichnet in vielen Jahren eine Handvoll Terror-Opfer, aber im Jahr 2001 rund 3000 Tote beim Angriff auf das World Trade Center und andere Einrichtungen. Ein Terrorist kann mehrere Attentate verüben, oder eines mit mehreren Toten. Er kann sich immer modernere Waffen beschaffen, die tödlicher sind als alles bisher dagewesene. Deshalb ist es sinnvoll, dramatisch mehr Ressourcen zur Terrorbekämpfung einzusetzen als zur Optimierung der Rasenmäher-Sicherheit.


Die Risikoqualität des Coronavirus ist vergleichbar mit Terroranschlägen, was die die Schwere des Extremfalls betrifft. Niemand weiß genau, wie schlimm es werden kann, aber es kann sehr schlimm werden. Niemand weiß genau, wer infiziert ist, weil 80 Prozent der Erkrankten keine auffälligen Symptome zeigen. Niemand weiß genau, wie lange einmal Infizierte ansteckend sind, bis zu 27 Tage scheinen möglich. Und niemand kennt eine Kur.


Wir wissen aber, dass die Krankheit sehr ansteckend ist und dass sie in ein bis drei Prozent der Fälle zum Tode führt. Das Virus übertrifft in Verbreitungsgeschwindigkeit und Tödlichkeit die gewöhnliche Grippe, die beispielsweise Amerika in der Saison 2017/2018 in 0,1 Prozent der Fälle tödlich war.

Damit müsste klar, dass der gerne von Politikern, Publizisten und notorischen Besserwissern herangezogene Vergleich mit der Grippe lieber nicht weiter verfolgt werden sollte. Auch die mit verharmlosender Wirkung propagierten Vergleiche des Virus mit Rauchen oder Verkehrsunfällen gehen völlig fehl. Diese Lebensrisiken explodieren nicht plötzlich.


Panik ist aus Sicht von Verhaltenskundlern überlebenswichtig


Vor diesem Hintergrund sind alle jene wohlmeinenden Warnungen an die Bevölkerung, nicht in Panik zu verfallen, fragwürdig. Aus der Perspektive von Verhaltenskundlern ist Panik überlebenswichtig. Sie steht für eine evolutionär herausgebildete Anpassung des Körpers, die die schnelle Flucht aus besonders gefährlichen Situationen begünstigt oder den Überlebenskampf. Dieser Alarmmechanismus hat das Überleben der Menschen gesichert.

Was allerdings aktuell mit herabwürdigender Absicht als Panikverhalten bezeichnet wird, passt ohnehin nicht in diese Kategorie. Hamsterkäufe, zusätzliche Hygiene und die selbst auferlegten Kontaktsperren, mit der Menschen aktuell auf die Epidemie reagieren, sind dafür viel zu vorausschauend. Da herrscht keine Panik, da regiert Planung.


Was die Mäkler (unterstützt von Eigennutz-Optimierern wie DFB-Funktionären oder dem Tesla-Chef) eigentlich sagen wollten (und oft auch sagen), ist nicht Panik, sondern Überreaktion. Aber gerade diese ist, so paradox es scheinen mag, bei Pandemie-Risiken Bürgerpflicht, wie der Philosoph, Publizist und Risikoexperte Nassim Taleb deutlich macht. Sein Argument: Das individuelle Risiko, am Anfang einer Infektions-Epidemie angesteckt zu werden, mag sehr gering sein. Wer deshalb keine zusätzlichen Schutzmaßnahmen trifft, trägt zum Ausbreiten der Epidemie bei, die sich dadurch zu einer schwerwiegenden Gefahr entwickelt. Sprachlich nur unerheblich unpräzise übersetzt heißt das: Panik ist das Gebot der Stunde.


Hochrechnungen werfen Schlaglicht auf Kapazitätsproblem


Entscheidungsträger wie ganz normale Menschen teilen leider eine Schwäche, die stattdessen Bequemlichkeit begünstigt: Sie haben kein Gefühl für multiplikative Prozesse. Vom amerikanischen Komplexitätsforscher Yaneer Bar-Yam kommt folgende Rechnung:


Mitte Januar hatte China rund 20 Krankheitsfälle. Bei der anfänglichen Ausbreitungsgeschwindigkeit hätte China fünf Wochen später rund 100 Millionen infizierte Personen gehabt, wenn das Land nicht drastische Maßnahmen ergriffen hätte.

Eine andere Berechnung stammt von Justin Fox, Chefredakteur des Harvard Business Review.

Die Grippe hat in den Vereinigten Staaten 2017/2018 rund 60.000 Menschenleben gefordert, rund 800.000 Menschen kamen ins Krankenhaus, 44 Millionen zeigten Grippe-Symptome. Wenn die Experten-Schätzungen über die Ausbreitungsgeschwindigkeit und die Tödlichkeit des Coronavirus stimmen, dann kann er die Grippe übertreffen ohne Gegenmaßnahmen. Das hieße für Amerika 300.000 bis 600.000 Tote bei vier Millionen bis acht Millionen Krankenhausaufenthalten.


Diese Zahlenreihe wirft das Schlaglicht auf ein Kapazitätsproblem, das alle Länder trifft. Amerika hat rund eine Million Krankenhausbetten. Eine Pandemie beansprucht Ärzte, Schwestern und Hospitäler, die damit für klassische Krankheiten nicht zur Verfügung stehen. Die Leute sterben dann nicht nur an der Pandemie, sondern auch an  mangelnder Therapie anderer Erkrankungen.


Braucht es noch mehr Argumente für die dringend gebotene Verlangsamung der Epidemie?


Der multiplikative Prozess enthält eine implizierte Aufforderung an die Entscheidungsträger. Sie müssen schnell handeln. Denn eine Maßnahme, die im frühen Ausbreitungsstadium womöglich die Ausbreitung stoppt, kann sich eine Woche später schon als zu klein erweisen. In vergangenen Epidemien und Pandemien hat sich die Schließung von Schulen in Regionen mit Krankheitsfällen als besonders effektiv erwiesen. Denn es zwingt nicht nur Kinder, zu Hause zu bleiben, sondern auch ihre Eltern.


Die radikale Reduzierung von Kontakten ist die Voraussetzung für die Eindämmung der Krankheit. Punktuell sozialpolitisch unterentwickelte Länder wie die Vereinigten Staaten sollten die Abwesenheit mit Lohnfortzahlung und Beschäftigungsgarantie flankieren – gerade für die rund zehn Millionen Arbeitnehmer in der amerikanischen Gastronomie. Diese husten sonst zwangsläufig im Restaurant in die Suppe, weil sie sich aus Angst vor Kündigung nicht trauen, zuhause zu bleiben.


Die Versuchung zu halbherzigen Maßnahmen ist groß, weil die nötigen Einschränkungen der Mobilität einen hohen  ökonomischen Preis haben. Er wird allerdings übertroffen durch den Preis zu kurz greifender Maßnahmen. Vielleicht muss man sich ganz ausnahmsweise ein verstaubtes Motto zu Herzen nehmen: „Vom großen Bruder lernen heißt siegen lernen“. China ist es mit schmerzhaft-drakonischen Maßnahmen gelungen, die Ausbreitung des Virus zu stoppen. Es gehört nicht viel zu der Prognose, dass das Land bald sicherer ist als der Rest der Welt.


(Originalquelle: Winand von Petersdorff, Washington / Frankfurter Allgemeine)

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